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Klein Liese zog gerne hinter sich her Ihr Püppchen Lotte von zartem Exterieur. Diese Freundin war ihr ganzer Stolz, Hatte kleingliedrige Händchen aus feinstem Holz, Das Köpfchen gar von perlmuttener Glänze, Kunstgefertigt aus Porzellan in seiner Gänze, Doch so sehr Liese die Lotte auch verehrte, Gab’s einen Moment, da sie ihre Obacht verkehrte An einem grünen Frühlingstag gedachte Liese der Aufsicht nicht. Von diesem argen Fehler nun handelt die folgende Geschicht:
Im duftig erblühenden Garten der Familie Hohenheimer saß Liese darnieder auf einer schlicht ausgebreiteten, scharlachroten Decke und spielte mit ihrer liebsten Gefährtin, ihrem Püppchen Lotte. Sie ringelte das güldene Haar der zarten Puppe um ihre kindlichen Finger und sang fröhlich das Lied vom Heidenröslein vor sich hin, das ihnen tags zuvor der Lehrer Hobel beigebracht und in stolzem Tone das kleine Frollein Liese ob ihrer glockengleichen Stimme gelobt und sie das Lied noch einmal im Solo hatte vorsingen lassen. Liese strich das Haar der Puppe wieder glatt, bettete Lotte in einen kleinen Wagen, den sie neben die Decke geschoben hatte und sagte zu ihr: „Pass auf, Lottchen, ich geh schnell in die Küche und hole etwas zu Essen für uns. Du bleibst fein hier und dann bring ich dir auch eine Überraschung mit.“ Geduldig wartete Liese ein sanftes Nicken ihrer Puppe ab, entfernte sich, nicht ohne den Kopf noch einmal prüfend zu wenden und zurückzuschauen auf die scharlachrote Decke unter der duftig erblühenden Kastanie. Bevor sie eilig ins Hausinnere rannte, sah sie noch, wie eine wundervolle weiße Blüte, die ein zartrosa Fleck in ihrer Mitte krönte, seicht zu Boden fiel. Liese nahm diesen Moment in sich auf und ein Lächeln ob der Schönheit des Maienmonats hing ihr nach als sie in die Küche lief und nach den selbstgebackenen Keksen suchte, die sie mit ihrer Mutter am Sonntag zubereitet hatte. Der prüfende Blick ihrer Mama ließ Lotte stehen bleiben als sie mit Keksen bepackt am Wohnzimmer vorbei wieder ins Freie rennen wollte. „Du hast aber nicht alle genommen?“, fragte Lieses Mutter streng. „Nein, nein. Nur ein paar für mich und Lotte, wenn sie nicht alle werden, lege ich die restlichen wieder in die Kiste.“ „Das hoffe ich doch“, erwiderte die Frau Mama. Aber Liese konnte heute nichts so recht betrüben. Das Wetter war schön, die Sonne kitzelte ihre kleinen Sommersprossen, Lotte konnte einmal so richtig ausgeführt werden. Als Liese jedoch ihre scharlachrote Decke erreicht hatte und gerade dem Lottchen ein paar Krumen reichen wollte, fand sie in dem Wägelchen nichts weiter als die blaukarierte Zudecke vor, Lotte, ihre liebste Lotte – sie war verschwunden. Tränen sammelten sich in Lieses Augenwinkeln, kullerten leise aber stetig über ihre Wangen. Liese, sie konnte es einfach nicht fassen. Wer würde ihr an einem solch schönen Tag so etwas Schreckliches antun? Oder war Lotte einfach ein wenig spazieren gegangen, obwohl sie ihr gesagt hatte, dass sie lieb sein und in ihrer Kutsche bleiben sollte? Liese entleerte ihre Schürze, ließ die Kekse auf die Decke fallen und rannte durch den Garten, um Lotte zu finden und ihr den Marsch zu blasen, falls sie wirklich von selbst davon gelaufen sein sollte. „Lotte, mein Lottchen. Wo bist du? Lo-t-te!“, so rief Liese durch den Garten des Anwesens und suchte hinter den Büschen, immer mit den Gedanken darauf gerichtet, was in so einem kleinen Kopf wohl vorgehen könnte. Oder hatte sich vielleicht doch jemand einen Spaß mit ihr erlaubt? Als sie fast das Gartentor hinter dem Haus erreicht hatte, das auf einen offenen Hang hinaus ging, der steil hinunter zu einem Fluss führte. Ein Flussbett voller Bäume, die auch in vollster Blüte standen, hörte sie das leise Sprechen einer fremden Stimme. Sie öffnete vorsichtig das Gartentor und plötzlich störte Liese der süße Geruch der Kastanienblüten, sie konnte ihn nicht mehr ertragen, er brannte in ihren Augen. Wo nur war ihr Lottchen? „Was für ein zartes, kleines Püppchen“, schmatzte ein drahtiger, langer Kerl vor sich ihn und betatschte Lotte, ihre Lotte, so, als wäre sie sein Eigentum. „Das ist meine Puppe, sie heißt Lotte!“, rief Liese dem dunklen Mann entgegen, der am Hang saß und die Puppe nun wie ein Kind in seinen Armen wog. „Was für eine Schönheit, deine Lotte, ich entdeckte sie am Gartentor, mein Kind, da habe ich sie mit hierher in die Frische genommen, damit sie sich von der Sonne ein wenig erholen könne.“ „Dann hat sie sich doch aus dem Staub gemacht. Lotte, dabei habe ich dir verboten, das Wägelchen zu verlassen, ich hatte dir Kekse mitgebracht. Und nun? Jetzt schmelzen sie in der Sonne. Schöner Mist.“ Liese verzog ihren Mund zu einem Schmollen. Was dieser Mann mit Lotte wollte, kam ihr jedoch ein wenig schleierhaft vor. „Ich habe hier auch ein bisschen Konfekt, sieh, komm nur her. Das schmeckt vorzüglich.“ „Ich mag aber keinen Konfekt. Kann ich mein Lottchen wiederhaben?“, zischte Liese ein wenig aufmüpfig. „Nun setz dich doch erst einmal her. Hier ist es doch viel frischer als in der Sonne. Ich schwitze so.“ Dabei zog der drahtige Mann sein Jackett aus und knöpfte das Hemd am Hals ein wenig auf. Liese hatte nun doch daran Gefallen gefunden, sich das Konfekt wenigstens einmal anzuschauen. „Was ist Konfekt?“, fragte sie den dunklen Kerl, neben dem sie sich nun niederhockte. „Also, ich habe hier zarte, süße, kandierte Erdbeeren, schau“, und er zog eine kleine Tüte aus seiner Hosentasche hervor, die mit tiefroten, aber festen Früchten gefüllt war, die Liese wunderbar schmeckten. Dabei vergaß sie gar, dass der dunkle, große Mann ihre Puppe Lotte immer noch im Arm hielt, fester als vorher, seine Augen gierig auf Lieses Haarschopf und ihre feinen Sommersprossen gerichtet. „Das schmeckt fein, haben Sie noch mehr davon?“ „Aber natürlich. Kennst du diese kleine Stelle hier unten am Fluss? Dort gibt es goldene Fische, ich schwöre es, hast du die schon einmal gesehen?“ Der dunkle drahtige Mann streckte seine langgliedrigen Finger nach Lieses Schopf aus und streichelte ihr übers Haar.
Derweil machte sich die Frau Mama im Wohnzimmer des Anwesens doch ein wenig Sorgen um ihre Liese. Wenn sie noch länger in der prallen Sonne bleibt, wird sie einen Stich bekommen, dachte sie bei sich. „Gertrud? Ger-trud! Könnten Sie bitte einmal nach Lieschen schauen?“ Die Magd lief eilig über die schwarzen Fließen des Flurs nach draußen, aber alles was, sie vorfand, waren ein paar in der Hitze zerlaufene Kekse. Keine Liese, keine Lotte.
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